Zeit der Verluste
Eine warmherzige Umarmung - Buchempfehlung zum Essay von Daniel Schreiber
„Wir leben in einer Welt, die keinen Platz für Trauernde lässt." – Daniel Schreiber sucht in seinem Essay „Zeit der Verluste“ nach einem Platz seiner Trauer und reist dafür nach Venedig.
Es mag absurd erscheinen, an einem Urlaubsort voller Touristen sich die Zeit für Trauer, um den verstorbenen Vater zu nehmen. Doch es handelt sich mehr um die Realisierung, dass die Flucht vor dem Schmerz nicht die Erlösung bietet.
Jede Trauerbegleitung spürt die Härte, durch den Schmerz hindurchzugehen. Warum dann nicht den Alltag in einer Umgebung verbringen, die einem Trost spendet? Diesen Alltag beschreibt der Autor detailliert: Das Schlendern durch die Lagune Venedigs, das Erleben von Genüssen, das Sammeln von Gedanken und Erinnerungen. So zeichnet der Sohn ein Bild seiner Trauer von Ambivalenz und persönlicher Erkenntnis. Mit liebevoll beschriebenen Szenen aus der gemeinsamen Vergangenheit und fast analytisch das persönliche Erbe des Vaters in der Gegenwart betrachtend.
Es ist keine Anleitung oder Theoriedarbietung zum Trauern, das wäre zu viel erwartet. Schreiber nimmt einen aber während seiner konkreten Verlusterfahrung mit. Das ist das Schöne an dem Text: Es ist eine vielleicht beiläufige, aber warmherzige Umarmung, die das Gefühl hinterlässt, nicht allein zu sein.
Es ist keine Anleitung oder Theoriedarbietung zum Trauern, das wäre zu viel erwartet. Schreiber nimmt einen aber während seiner konkreten Verlusterfahrung mit. Das ist das Schöne an dem Text: Es ist eine vielleicht beiläufige, aber warmherzige Umarmung, die das Gefühl hinterlässt, nicht allein zu sein.
Immer wieder assoziiert er den Verlust als globales Gefühl, wie sie auch die Auswirkungen der Pandemie oder des Klimawandels verursacht haben.
Eine gar nicht banale Annäherung. In einer Zeit der Verluste stößt der Essay an, über Trauer als verbindendes Gefühl zu reden. Laut Schreiber ist die Trauer so individuell, dass man darauf nicht vorbereiten kann, beziehungsweise man sich ihr so lang entzieht, bis man sich damit beschäftigen muss.
Die Erkenntnis, wie Trauer einen Platz finden kann, wie wir über die Verluste reden oder damit leben können, muss jeder Mensch für sich neu entdecken, ist eine Aufforderung für mich gewesen, liebevoll und mitfühlend mit der Trauernden in mir selbst zu sein.
Zeit der Verluste von Daniel Schreiber, 2023, 144 Seiten, Hanser Berlin

