Das ist der neue
Jonathan Weering im Interview. „Ich arbeite gern mit Menschen“
Jonathan Weering, 33 Jahre alt, ist seit dem 1. September 2023 Geschäftsführer von Caspary-Bestattungen. Er ist bereits seit 10 Jahren im Team des Instituts und hat Betriebswirtschaft, Germanistik und Politikwissenschaften studiert.
Er stammt aus der Grafschaft Bentheim und lebt seit 2011 in Bremen. In seiner Freizeit kocht er gerne mit Familie und Freunden und verreist so bald Zeit dafür ist. Im Interview mit Kersten Artus spricht er über die Arbeit seiner letzten Jahre und die neue Verantwortung in der Geschäftsführung bei Caspary Bestattungen.
Du hast am 1. September 2023 die Geschäftsführung von Cordula Caspary übernommen. Wie habt Ihr den Übergang gestaltet?
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Das hatte bereits vor einigen Jahren begonnen. Wie haben gemeinsame Unternehmensberatungen gemacht und Prozesse neu gestaltet. Cordula Caspary hatte mich an ihre Seite in der Geschäftsführung geholt, mir Vertrauen geschenkt und meine Unterstützung gesucht. Daraus sind Versuche entstanden, im Team und in der Infrastruktur etwas zu verändern. Dabei ist etwas zusammengewachsen. Irgendwann hat Cordula festgestellt, dass sie eine größere Veränderung möchte. Und ich auch! Das Ergebnis war eine Übergabe der Inhaberschaft. Das haben wir über ein dreiviertel Jahr vorbereitet – immer auf Augenhöhe.
Ist sie weiter präsent?
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Cordula ist weiterhin präsent in unserer Arbeit. Vor allem ihre Philosophie, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Ihr war es und ist es weiterhin wichtig, unsere Arbeit zu hinterfragen und weiterzuentwickeln, wie es möglich sein kann Abschiede tröstlich und würdig zu gestalten. Es vergehen wenige Tage an denen wir uns nicht bewusst oder unbewusst fragen, wie hätte Cordula das jetzt gelöst oder gemacht.
Wie hält man es eigentlich aus, jeden Tag Tote zu sehen und Angehörige, die um sie trauern?
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Ich arbeite gern mit Menschen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich viel aushalten muss. Während unserer Arbeit sitzen wir mit den Lebenden in Gesprächen zusammen. Sie bringen Emotionen mit, die für sie sehr belastend sind. Das kann für uns auch mal mit belastend sein, aber unsere Rolle ist, zu unterstützen. Es steckt viel Kraft darin und ich bin total dankbar dafür und freue mich jedes Mal wieder darauf, für eine gewisse Zeit ein Teil ihres Abschiedsprozesses sein zu können.
Hattest Du in der letzten Zeit ein schönes Erlebnis im Job?
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Ich hatte in dieser Woche einen berührenden Erstkontakt: Zwei Kinder saßen bei uns im Institut, deren Mutter ganz überraschend vor ein paar Tagen im Urlaub verstorben war – der Ehemann der Frau war ebenfalls dabei, der nicht der Vater der Kinder ist. Ich hatte das Gefühl, dass sie die Bedürfnisse der jeweils anderen gut im Blick haben, obwohl gerade das ist in der Regel eine große Herausforderung darstellt, sie haben es aber gut hinbekommen. Und das in dieser extrem belastenden Situation. Das war eine schöne Erfahrung, die mich beeindruckt hat.
Aber auch ein Abschied, der sehr gut gelingt, weil er sich versöhnlich auswirkt, ist schön. Erst recht wenn er besonders schwer ist. Daraus kann dann etwas Gutes erwachsen. Das sind große Momente, an die ich mich gern erinnere.
Es steckt zudem viel Heilsames und Positives in der alltäglichen Arbeit. Dafür schätze ich unsere Arbeit.
Welche Momente berühren Dich besonders?
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Immer dann, wenn ich merke, dass sich Menschen ganz losgelöst von vorgegebenen Konzepten Gedanken darüber machen, was für die verstorbene Person das Richtige ist und was sich für sie selbst gut anfühlt. Wir geben nicht vor, den Abschied auf eine bestimmte Art zu gestalten, sondern stellen offene Fragen. Die eigenen Antworten stellen dann die Menschen zufrieden. Nicht wir müssen zufrieden sein, sondern diejenigen, die zu uns kommen.
Also Du sagst beispielsweise nicht, diese drei Lieder sind üblich, sondern Du fragst, welche Musik die verstorbene Person gern gehört hat?
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So ungefähr. Menschen kommen mit vielen Fragen zu uns. Wir hören zu. Wenn etwa jemand fragt, was es für Möglichkeiten an Bestattungen gibt, fragen wir, was ihnen guttun und zur verstorbenen Person passen würde. Was dann geantwortet wird, ist dann richtig und oft wichtiger, als das was ich aus meiner Erfahrung heraus so ad hoc vorschlagen könnte. Vorschläge und das Teilen von Erfahrung braucht es auch, aber zum richtigen Zeitpunkt.
Haben sich Trauer und Bestattungen in den letzten Jahren verändert?
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Festgeschriebene Rituale und Traditionen brechen auf. Vielen ist nach meiner Beobachtung beispielsweise der Ort des Grabes nicht mehr so wichtig und damit auch das Erstellen eines Grabmals, also eines Denkmals für ein Leben und die damit zusammenhängende Grabpflege. Vielen scheint es wichtig zu sein, der Folgegeneration keine Bürde damit aufzulasten. Oft hören wir auch, dass der Gedanke als Asche in die Natur gegeben zu werden – ins Meer, in einen Wald oder auf privatem Grund - vielen Menschen als eine Metapher des Freigebens in den Kreislauf der Natur dient. Es wird sich immer öfter für andere Orte als den Friedhof entschieden.
Verändert haben sich auch Abschiedsrituale wie Trauerfeiern. Es gibt dann häufig mehr als eine biografische Darstellung des Lebens. Auch werden weniger oft klassische Trauerkränze und -gestecke von den Hinterbliebenen gewünscht. Statt einer Friedhofskappelle wird etwa die Botanika in Bremen ausgewählt, weil dieser Ort eine Bedeutung hatte und eine kreative und individuelle Gestaltung dieses Ortes gewählt.
Zudem verändern sich die Erwartungen an Bestattungsinstitute und an jene, die dort arbeiten. Wer zu uns kommt, erwartet nicht, Produkt A, B oder C gezeigt zu bekommen, will nicht Sarg Eiche, Sarg Pappel oder Sarg Mahagoni aus einem Katalog auswählen. Sie erwarten, dass wir uns mit ihnen offen zusammensetzen. Sie wollen nichts verkauft bekommen, sondern empathische Unterstützung und Expertise und ein professionelles Gegenüber.
Caspary ist seit vielen Jahren in Bremen etabliert. Was zeichnet Euch aus?
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Wir stellen vor allem zwei Dinge in den Mittelpunkt: Die Bedürfnisse der verstorbenen Person und die der Hinterbliebenen. Dabei fühlen sich die Hinterbliebenen verstanden und erkennen ihre Verstorbenen in den Abschieden wieder. Das klingt erstmal simpel und naheliegend, wir versuchen das aber wirklich in unserer Arbeit zu leben. Ich denke das gelingt uns ganz gut und dafür schätzen viele Menschen in Bremen unsere Arbeit.
Machen das andere nicht?
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Das kann ich nicht so gut beurteilen und ich denke der Blick auf unsere Werte stärkt unsere Arbeit. Wir möchten Menschen in Ihrer Trauer begegnen und offen für deren sehr unterschiedliche Bedürfnisse sein.
Andere Herangehensweisen sind oft traditionell und konventionell geprägt. Das kann sich dann auch wie folgt äußern: Trauerfeiern sehen so aus, und das gibt Euch Halt. Abschiedsrituale sehen so aus, und das gibt Euch Halt. Ein Eichensarg ist etwas Repräsentatives, und das ehrt das Leben der verstorbenen Person.
Unsere Herangehensweise wäre eher die folgende: Was wäre ein guter Abschied, was wird gebraucht um diesen Abschied erlebbar zu machen und was passt zu der verstorbenen Person?
Welche Veränderungen wünschst Du Dir im Umgang mit Trauer und Tod – im Allgemeinen und auch ganz konkret?
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Ich habe das Gefühl, dass Tod und Trauer, vor allem aber ältere Menschen, innerhalb der Gesellschaft in den Hintergrund gerückt werden. Das Potenzial dieser Lebensphase wird viel zu wenig erkannt. Im Vordergrund steht die Jugend, stehen die Entwicklungen unserer Gesellschaft – das Übermorgen, und nicht das Jetzt und Heute. Und das finde ich nicht richtig. Es schmerzt, zu beobachten, dass Ältere nicht mehr vorkommen, und der Tod bewusst verdrängt wird. Es wird nicht gesehen, dass Krankheit und Alter zu uns gehören. Da wünsche ich mir eine Veränderung. Wir versuchen mit unserer Abschiedskultur bei Caspary einen Beitrag dafür zu leisten.
Wie willst Du einmal beerdigt werden?
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Ich bin da heute noch recht offen. Gleichzeitig bleibt es nicht aus, dass ich mich intensiv damit befasse. Mir ist es allerdings nicht so wichtig, was mit meinem Körper geschieht, sondern, dass respektvoll mit ihm umgegangen wird und sich Familie und Freunde gut von mir verabschieden können.
Außerdem ist mir wichtig, was von mir bleibt: Die Beziehungen, die ich gepflegt habe und die ja nicht einfach abreißen. Ein Abschied von mir bräuchte die Möglichkeit, diese Beziehungen wertzuschätzen. Das wäre ein letzter Wunsch von mir.
Wie das ausgestaltet wird, weiß ich noch nicht und wäre wohl auch nicht nur an meinen Bedürfnissen zu orientieren. Meine Familie und meine Freunden sollten ebenfalls vorkommen. Meine Perspektive müsste ich aber mal aufschreiben. Das sage ich zumindest anderen. Ich bin bislang noch nicht dazu gekommen, habe mir aber vorgenommen das Thema in diesem Jahr anzugehen.
Sarg oder Urne?
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Auch das ist für mich nicht so wichtig. Aber aus meiner Erfahrung weiß ich, dass eine Feuerbestattung zeitliche Abläufe vereinfachen kann und die Beisetzung einer Urne an einem individuellen Ort stattfinden könnte – wo Familie und Freunde an mich denken können. Oder sie finden mehrere Orte, an dem sie die Asche freilassen. Ich würde daher zur Urne tendieren.
Ist es etwas Besonderes, in Bremen Bestatter zu sein?
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In Bremen zu leben, ist etwas Besonderes. Das habe ich mir bewusst ausgesucht. Die Stadt passt zu mir. Es ist eine Ort, der mir Freiheit anbietet. Es ist schön grün, ich kann mich unabhängig von einem Auto bewegen, ohne große Wege auf mich nehmen zu müssen. Es geht außerdem grundsätzlich offen und freundlich miteinander zu. Ich bin gern an der Weser und im Bürgerpark, auf dem Fahrrad an der frischen Luft. Am besten in Gesellschaft.

