"Wenn die Natur die letzte Reise krass schön choreografiert"
Hospitationsbericht von Stephanie Toewe-Rimkeit, die mit Kersten Artus eine Familie zur Seebestattung auf der Ostsee begleitet hat
Veröffentlicht am 6. Oktober 2024
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Ende September. Der Morgen ist grau und nass und windig. Ich bin auf dem Weg zu einer Seebestattung. Wind am Meer bedeutet Wellen und ein Schiff, das möglicherweise ordentlich schaukelt. Hoffentlich wird mir nicht schlecht.
Ich war noch nie auf einer Seebestattung. Als Hospitantin von Kersten – mit Einverständnis der trauernden Familie – werde ich heute zum ersten Mal erleben, wie der Abschied von einem Menschen auf dem offenen Meer sein kann. Ich bin aufgeregt.
Im Juli habe ich meine Ausbildung als Trauerrednerin bei Annette Rosenfeld abgeschlossen. Kersten war in der allerersten Ausbildungsgruppe von Annette als Teilnehmerin dabei. Ich freue mich sehr, sie auf eine Trauerfeier begleiten zu dürfen, um Einblicke in ihre langjährige Arbeit als Trauerrednerin zu bekommen.
Wir treffen uns mittags am Hauptbahnhof in Hamburg. Noch weiß ich nicht, welch außergewöhnlichen Tag ich erleben werde. Auf geht’s nach Travemünde. Kersten hat viel Zeit für die Hinfahrt eingeplant. Vorsichtshalber. Sie ist gerne eine Stunde vor Beginn der Trauerfeier da. Für alle Fälle, erklärt sie mir. Heute wird sich noch zeigen, wie gut es ist, diesen Puffer zu haben.
Kersten und ich kennen uns bisher nicht. Auf der Fahrt nach Lübeck erzählt sie mir offen von ihrem Lebensweg und ihrer Arbeit als Trauerrednerin, sie teilt ganz uneitel ihr Erfahrungen mit mir. Konzentriert höre ich ihr zu. Kersten ist nahbar und präsent. Ich habe das Gefühl, dass sie mir gerne von ihrer Arbeit erzählt und, dass sie diese Arbeit auch von ganzem Herzen gerne macht. Ich kann mir vorstellen, dass Angehörigen sich bei ihr von Beginn an gut und sicher aufgehoben fühlen.
In Lübeck müssen wir in einen Bus umsteigen. Schienenersatzverkehr. Ich bemerke beim Einsteigen zwar, dass der Busfahrer auf Nachfrage, an welchen Stationen er halten wird, nicht gut im Bilde ist und auf seinem Handy mit dem Navi hantiert, aber Kersten und ich sind in ein Gespräch vertieft. Ich schiebe meine kurze Irritation beiseite. Zur geplanten Ankunftszeit bemerkt Kersten, dass wir mitten auf einer Autobahn sind. Und uns gerade von Travemünde entfernen. Der Busfahrer hat sich verfahren. Die Stunde Puffer schrumpft enorm. Eine Verspätung von 40 min wird angezeigt. Irgendwie gelingt es uns, den Busfahrer nach Travemünde zu lotsen und dann auch noch rechtzeitig an Bord des Schiffes zu kommen. Puh.
Die Bestattung findet in einem kleinen Familienkreis statt. Das Schiff ist nicht groß und so ist der Rahmen sehr intim. Ich bin dankbar, dass die Familie meiner Hospitanz zugestimmt hat. Kersten hat mich auf der Hinfahrt vorbereitet und ich spüre bei unserer Ankunft sofort, dass die Familie Kersten vertraut und mit ihr in einem sehr guten Austausch war.
Es hat aufgehört zu regnen, es ist heiter bis wolkig. Das Schiff schaukelt merklich, aber ich denke darüber nicht mehr nach. Die blaue Urne mit der Asche der 88jährigen Mutter, Schwiegermutter und mehrfachen Oma steht fest auf Sand umrahmt von einem Blumenkranz neben Kersten auf einem Tisch. Am Himmel zeigt sich bei der Abfahrt ein Regenbogen, ein halber, ein kleiner, ein feiner.
Dann beginnt Kersten zu reden (und von der kurzen Aufregung, wir könnten zu spätkommen, ist nichts mehr zu spüren). Kaum beginnt sie von der Toten und ihrer Vorliebe fürs Meer zu berichten, da erscheint ein zweiter Regenbogen. Diesmal ein riesiger. Mitten über dem Meer, an dem die Tote oft Urlaub machte und indem sie bestimmt auch sehr oft geschwommen ist. Kersten unterbricht wie selbstverständlich ihre Rede, damit alle diese bunte Himmelsrutsche bestaunen können.
Kerstens Rede bewegt dann das Herz mehr als das schaukelnde Meer den Magen. Die Familie nickt, schmunzelt, lacht, weint, singt und hört zu. Es gibt sogar ein kleines Gespräch zwischen Kersten und den Angehörigen, mitten in der Rede, einfach so, weil es gerade passt, weil es menschlich richtig ist.
Kerstens Rede ist zu keinem Zeitpunkt langweilig. Und sie nimmt einen nicht nur mit in das Leben der Toten, sondern eröffnet auch Räume mit ihren Worten, in dem jede/r der Anwesenden Platz mit anderen Trauergründen haben und ganz bei sich bleiben kann.
Der Seegang verlangt gutes Stehvermögen und das hat Kersten. Ich höre ihr gerne zu und bemerke die vielen kleinen Dinge, die sie recherchiert hat. Z.B., dass die Tote bei zunehmendem Mond geboren wurde und bei abnehmenden starb. Das passt zum Meer. Ganz ohne Kitsch und ohne Esoterik hat Kersten das als eine kleine Erzählklammer eingebaut, die überraschend und besonders ist. Die Angehörigen haben das schmunzelnd bemerkt, und der Mond wird nach dieser Rede, zu- oder abnehmend sie vielleicht in Zukunft an ihre Oma oder ihre Mama erinnern. Ich zumindest denke jetzt beim Anblick des Mondes hin und wieder an diese Frau, die ich bis zu diesem letzten Samstag im September gar nicht kannte.
Kersten weiß mehr über das Lieblingslied der Verstorbenen als die Angehörigen, die über diese neuen Informationen überrascht sind und das Lied jetzt vielleicht sogar ganz anders zu deuten wissen. Auch die Schattenseiten finden bei Kersten Platz, sehr fein. Was keinen Raum in dieser Rede über ein gelebtes Leben mit allen Höhen und Tiefen bekommen soll, bekommt auch keinen großen Raum, aber Kersten macht transparent, was sie ausspart ohne große Worte. Das empfinde ich als heilsam. Auch historisch kann sie das Leben der Toten sicher einordnen. Ich hätte als Enkelkind gerne so eine reiche Trauerrede über meine Oma gehört. Ich hätte als erwachsenes Enkelkind gerne so eine reiche Trauerrede wie Kersten sie geschrieben hat, über meine Oma Jahre später nach ihrem Tod aus einer Schublade gezogen, um sie mit Erfahrungen und Baustellen im eigenen Leben abzugleichen, um sie als Ausgangsmaterial für die Erforschung der eignen Geschichte zu nutzen. Denn das kann eine Trauerrede sein, das hat Kersten mit ihrer Rede gezeigt. Eine Einladung über sich selbst und über das Leben nachzudenken.
Nach 30 Minuten Fahrt stoppt der Kapitän langsam das Schiff und Kersten beendet ihre Rede. Eine gekonnte Punktlandung nennt man das.
Nach einem persönlichen Lied von einem der Enkel, geht es raus an die Reling. Der Kapitän sagt noch ein paar Worte, die im Wind rauschend davon wehen. Er läutet die Schiffsglocke und dann wird die Urne zu Wasser gelassen, Blumen und Kranz treiben mit ihr langsam in den Wellen davon. Ich wundere mich, dass die Urne nicht sofort untergeht. Aber es ist schön zu sehen, wie sie elegant in den Wellen tanzt. Ich stelle mir vor, dass die Tote das ziemlich toll gefunden hätte, dass die Natur ihre letzte Reise so krass schön choreografiert. Und gerade als der letzte musikalische Abschiedsgruß über den Außenlautsprecher beginnt zu erklingen, taucht neben der Urne eine Flosse auf. Ein Delfin. In der Bucht von Travemünde lebt ein Delfin. Der heißt Delle. Delle der Delfin taucht genau jetzt auf und ab und alle Beteiligten sind überwältigt. Wow. Das Boot umrundet dreimal die Urne; langsam geht sie unter. Beim dritten Mal taucht sie ab in die Tiefe. Ahoi und eine gute Reise, rufe ich in Gedanken.
Es geht zurück in den Hafen und die ganz Rückfahrt klebt Delle der Delfin am Heck des Bootes, taucht immer wieder auf, schwimmt für alle sichtbar in der Heckwelle mit, spendet Trost und Freude. Ich versichere mich beim Kapitän, ob es wirklich dieser berühmte Delfin ist und ob er in der Heckwelle mitschwimmt, weil das leichter ist oder so. Der Kapitän lächelt und sagt: „Ne der schwimmt mit, weil der uns gut findet.“ Und ich denke: „Ne der schwimmt mit, weil das ein verdammt empathisches Tierchen ist.“ Was für ein Abschluss, was für ein Erlebnis, was für ein besonderer Tag. Danke liebe Kersten, dass ich dich begleiten durfte!
