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Personen auf einem Marktplatz in Altstadt

Pflegedienst vielfältig.
Sie sind da, wenn sich das Leben ändert

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Vor zwei Jahren hat das Ehepaar Burgmeier ihren Pflegedienst in Bremen gegründet. Mich begrüßt in der vierten Etage in der Contrescarpe 46 ein Plakat mit der Aufschrift „Wir sind da, wenn sich dein Leben ändert“. Ich betrete helle Räume, sehe Stehschreibtische, einen Aufenthaltsraum, ein Beratungszimmer.

 

Auf einer der Fensterbänke stehen Urkunden und Pokale - Preise, die Judith und Hannah mit ihrer jungen Firma bereits abgeräumt haben: Darunter der Soziale Dialogpreis der ConSozial 2025, der 2. Platz als Bremer Sozialunternehmen des Jahres 2025 und der Corporate Award 2025 des Bundesverbandes Vereinbarkeit.

 

„Wir haben eine Lücke in der queeren Communitv geschlossen“, sagt Judith Burgmeier, mit der ich zum Gespräch verabredet bin. „Wir sind allerdings für alle Menschen da“, sagt sie, „vorrangig geht es in unserem Pflegekonzept um Sexualität, die in der Pflege oft tabuisiert wird."

 

Ihr Konzept ist fundiert: Lust, Intimität und sexuelle Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn jemand pflegebedürftig wird. Das Team hat einen Blick für Grundbedürfnisse wie auch für Scham, Unsicherheiten und Ängste. Sie ermutigen in Gesprächen, allem Berechtigung und Normalität zurückzugeben.

 

"Wir arbeiten ja immer auch in Beziehungsdynamiken. In Abschieds- und Sterbeprozessen brechen viele Dinge nochmal auf - in aller Unterschiedlichkeit und Vielfalt.“, sagt Judith ergänzend.

 

Neben 40 Klient:innen zwischen 15 und 96 Jahren, die durch den Kleinbetrieb in ganz Bremen - von Gröpelingen bis Oberneuland - pflegerisch versorgt werden, führen die beiden auch Fortbildungen für Beschäftigte im Gesundheitswesen durch. Hannah bietet zudem Paar-/Beziehungs- und Sexualberatung an. Mit einer 15-Jährigen, die sie derzeit betreuen und die in einer Wohngruppe lebt, sprechen sie auch über Verhütung.

 

Es gibt eine pflegerische Lücke in der queeren Community 

 

Die pflegerische Lücke, die in den queeren Szene existiert, könne schnell lebensbedrohlich werden, sagt Judith mit ernstem Blick. Aufgrund lebenslanger Diskriminierungserfahrungen fiele es queeren Menschen oft besonders schwer, fremde Personen in ihre Wohnung und erst recht an ihre Körper heranzulassen.

 

Judith erzählt von Martin*, einem Transmann, der sich nicht getraut hatte, darum zu bitten, ihn mit dem Namen anzusprechen, den er seit Jahrzehnten trägt - auch wenn er offiziell unter seinem Deadnamen** lebt. Judith hat mit dem SAPV***-Team gesprochen, erklärt und überzeugt. Martin habe schließlich bei jeder Versorgung Tränen in den Augen gehabt, weil er auf den letzten Metern seines Lebens so eine Wertschätzung erfahren hatte. 

 

Die Arbeitsweise der vielfältig.GmbH hat sich offenbar herumgesprochen: Sie hätten keine Probleme, Personal zu finden, sagt Judith, und bereits eine Warteliste. 

 

Judith ist außerdem  überzeugt, dass der Arbeitskräftemangel in der Pflege ein hausgemachtes Problem sei - das hieße Rassismus. Fachkräfte seien es leid, diffamiert und diskriminiert zu werden. Die Burgmeiers böten ihren Beschäftigten daher Schutzräume. Dazu gehört eine Klausel in den Pflegeverträgen, die dem Pflegedienst bei erlebter Menschenfeindlichkeit ein Kündigungsrecht einräumt.

 

Es gelte, individuelle, passende Wege zu finden, damit Gepflegte Hilfe annehmen können - wie Martin, wie die 15-Jährige. Judith erzählt von einem weiteren Klienten aus Schwachhausen, der nach einem Hirnschlag seine Gefühle nicht mehr regulieren konnte und oft aggressiv auftrat. Wochenlang habe eine ihrer Assistenzkräfte mit ihm Bewegungsübungen und Spaziergänge gemacht. So sei langsam eine Vertrauensbasis gewachsen.

 

Das Trauerbuch: Wertschätzung und Selbstfürsorge über den Tod hinaus

 

Die Wertschätzung gegenüber Menschen, die die vielfältig.GmbH palliativ betreut, besteht auch nach dem Tod: Sie bieten eine Totenfürsorge an: Waschen, eincremen, etwas Schönes anziehen, bevor der Körper im Sarg gebettet wird. Wofür die Pflegekasse allerdings nicht aufkommt.

 

Und auch Selbstfürsorge wird großgeschrieben: In einem Trauerbuch tragen sie die Namen „ihrer“ Verstorbenen ein, schreiben Erinnerungen dazu oder kleben Abschiedskarten ein. Die beruflich Pflegenden nehmen auch an Trauerfeiern teil.

 

Pflegebedürftigkeit ist oftmals eine tiefgreifende Zäsur und jeder Mensch hat es verdient, dass diese Lebensphase individuell gestaltet wird. 

 

Hannah und Judith Burgmeier wollen dazu beitragen, dass das Verständnis dafür in der Pflege wächst. Geschlechtliche Vielfalt und das Thema Sexualität dürfen nicht länger ignoriert werden - dafür haben sich die beiden auf den Weg gemacht. Es werden sicherlich bald noch weitere Plätze auf ihren Fensterbänken Zeugnis davon ablegen.

Kersten Artus Profilbild

Kersten Artus

Trauerrednerin, Journalistin

Pronomen: sie/ihr

Kersten Artus, 61, verheiratet, zwei Kinder, vier Enkel, Journalistin und Trauerrednerin. Sie lebt in Hamburg, doch ihre Wurzeln sind in Bremen. Mindestens einmal die Woche ist sie in ihrer Heimatstadt - privat wie beruflich. Sie mag ihren Garten, fährt Fahrrad und Bahn und schwärmt für Harrison Ford und schreibt für Caspary Bestattungen das Journal.